Biographie
Dieter Nuhr ist einer der bekanntesten Satiriker Deutschlands, hat eine eigene Sendung in der ARD, füllt riesige Hallen mit seinen Bühnenshows, und seine Analysen der Gegenwart in den Medien bewegen die Menschen und die öffentliche Meinung. Seine bildnerische Seite ist weniger bekannt, gewinnt aber zunehmend an Öffentlichkeit: Dieter Nuhr ist bildender Künstler.
Nach einem Kunststudium mit Schwerpunkt Malerei widmet er sich heute einer sehr eigenen Form der Bilderstellung, einer Mischtechnik aus Fotografie, digitaler und analoger Malerei und Zeichnung. Reisend erkundet er die Welt und verwandelt das Gesehene in Bilder. Seine detaillierten Beobachtungen verwandeln sich in gestaltete Kompositionen. Sie eröffnen einen oft melancholischen Blick auf die Rätselhaftigkeit des Daseins.
Dieter Nuhrs Kunst ist geprägt vom Bestreben, die Welt als Lebensraum zu erfahren und zu erforschen. In Kenntnis der Unvollständigkeit jeder Welterfahrung fragt er nicht nur „Was ist sehenswert?“, sondern thematisiert auch die Frage „Was bleibt?“. Seine Bilder sind keine dokumentarischen Abbildungen. Indem er seine Fotografien einer malerischen und zeichnerischen Verarbeitung unterzieht, macht er das Verschwinden des Realen in der Erinnerung sichtbar. Wenn das Fotografische auftaucht und wieder hinter der Farbe verschwindet, bleibt die Essenz des Gesehenen übrig. Dies ist nicht die Realität, sondern unser Bild von ihr, das Subjektive, eine Idee vom Gesehenen.
Im Erinnern verschwinden die Details, das Gesehene verwandelt sich, unser Weltbild ist Fiktion. Nuhr thematisiert in seinen Landschaften das Bild einer Natur, die er im Wissen um ihre allgegenwärtige Bedrohtheit abgebildet hat. Spuren menschlicher Zerstörung im Zeitalter des Anthropozäns sind weitgehend getilgt. Der Mensch erscheint – wenn überhaupt – klein. Nuhrs Bilder evozieren eine Realität, deren Narben weitgehend unsichtbar sind. Er zeigt uns die Utopie einer vergangenen Gegenwart. Seine Bilder verweigern sich nicht dem Schönen, aber sie zeigen es im Zustand des Phantomhaften. Nuhrs Bilder stellen auch die Frage: Was ist real?
Nach Nuhrs Überzeugung ist die Schönheit in seinen Arbeiten kein Eskapismus oder keine Verweigerung, sich der Zerstörung unserer Welt im künstlerischen Prozess zu stellen. Im Gegenteil! Für ihn fungiert die Darstellung dessen, was wir im Begriff sind zu verlieren, als Mahnmal. Nuhr weigert sich, die Welt ausschließlich unter dem Gesichtspunkt ihrer Gefährdung zu betrachten. Er sammelt und verarbeitet die auf seinen Weltreisen gewonnenen Bilder, um uns die Welt als Faszinosum vorzuführen. Indem er die Natur als Erscheinung vorführt, lädt er sie auf mit der Melancholie einer Welt, die ins Irreale abgleitet.
Dieter Nuhrs Arbeiten wurden in zahlreichen Museen und Galerien gezeigt, unter anderem im Luxehills Art Museum in Chengdu und auf der Shangdong Biennale in China, im Osthaus-Museum Hagen und - parallel zur Biennale - in den Sale Monumentali der Biblioteca Nazionale am Markusplatz in Venedig, sowie im Nationalmuseum des Senegal in Dakar und im Museo nazionale delle arti Maxxi in Rom, im Ludwig-Museum in Koblenz, in der Nuhr Arbeiten in einen Dialog mit den Werken der Sammlung traten, unter anderem mit Werken von Pablo Picasso, Pierre Soulages, Carel Appel, Andy Warhol und Jasper Johns, in Wien im Bank Austria Kunstforum, im Bayerischen Nationalmuseum in München, im Palazzo Medici Riccardi in Florenz und im Wind H. ART Centre in Beijing und vielen Orten mehr.
Vita
1981-1985
Studium Kunst und Geschichte an der Universität Essen, ehemalige Folkwangschule, Malerei bei Laszlo Lakner
Ab 1986
Auftritte als Kabarettist
Ab 1995
Fotografien
1999
Düsseldorf: Kulturbahnhof Eller
Landschaftsbilder Junger Fotografen (mit Susanne Brodhage, Chris Durham, Joakim Eskildsen, Christoph Gödan, Stefan Schneider, Rolf Theißen)
2004
Langenfeld: Kunstwerk in der Alten Weberei
14.5.2004 -13.6.2004: Lächeln Landschaft! (Einzelausstellung)
2008
Deutscher IQ-Preis
Hamburg: Galerie Robert Morat
6.3.2008 - 8.4.2008: Nuhr unterwegs (Einzelausstellung)
2010
Ratingen: Museum der Stadt
3.3.2010 - 9.5.2010: Nuhr fotografiert (Einzelausstellung)
Siegen: Siegerlandmuseum (Austellungsforum Haus Oranienstr.)
6.6.2010 - 22.8.2010: Nuhr fotografiert (Einzelausstellung)
Siegen: Museum Oberes Schloß
6.6.2010 - 22.8.2010: Nuhr trifft Rubens
Düsseldorf: Galerie Felix Ringel
26.5.2010 -19.6.2010: Awakenings (mit Yoshitomo Nara, Roy Mordechay, Sabine Moritz, Ratheesh T., Thomas Stricker, Chris Succo, Stefan Sous, Jens Stittgen, Dulaan Tengis, Andy Warhol)
Deutscher Comedypreis (Bester Komiker)
Siegburg: Stadtmuseum Siegburg
12.9.2010 - 1.11.2010: Nuhr fotografiert (Einzelausstellung)
2011
Imst (Österreich): Ubuntu Forum.
17.2.2011 -5.3.2011: Nuhr für SOS (Einzelausstellung)
Berlin: Galerie der SOS-Kinderdörfer weltweit
23.5.2011 – 23.6.2011: Nuhr für SOS (Einzelausstellung)
Kempen: Städtisches Kramer-Museum
8.5.2011 - 24.6.2011: Nuhr fotografiert (Einzelausstellung)
Rheine: Kloster Bentlage
6.11.2011 - 11.12.2011: Nuhr fotografiert (Einzelausstellung)
2012
Regensburg: Städtische Museen / Städtische Galerie im Leeren Beutel
11.3.2012 – 17.6.2012: Nuhr fotografiert (Einzelausstellung)
Lüdinghausen: Münsterlandmuseum Burg Vischering
5.7.2012 – 9.9.2012: Nuhr fotografiert (Einzelausstellung)
Langenfeld: Stadtmuseum Kulturelles Forum
25.9.2012 – 18.11.2012: Nuhr fotografiert (Einzelausstellung)
Herford: Herforder Kunstverein
2.12.2012 – 03.2.2013: Carl Schuch und die aktuelle Stillebenfotografie (Gruppenausstellung)
2013
Ratingen: Museum Ratingen
23.02.2013 - 21.04.2013: Carl Schuch und die aktuelle Stillebenfotografie (Gruppenausstellung)
Siegburg: Stadtmuseum
14.7.2013 - 8.9.2013: Carl Schuch und die aktuelle Stillebenfotografie
(Gruppenausstellung)
Siegen: Siegerlandmuseum
3.5.2013 – 30.6.2013: Carl Schuch und die aktuelle Stillebenfotografie
(Gruppenausstellung)
Kempen: Städtisches Kramer-Museum
22.9.2013 – 24.11.2013: Carl Schuch und die aktuelle Stillebenfotografie
(Gruppenausstellung)
2014
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
23.3.2014 – 31.7.2014: (Einzelausstellung)
18.10.2014 Kulturpreis Deutsche Sprache, Jakob-Grimm-Preis
2015
Ratingen: Museum Ratingen
29.1.2015 – 7.6.2015: Nuhr um die Welt (Einzelausstellung)
Essen: Galerie Obrist
30.1.2015 – 11.3.2015: Fremdes Terrain (Einzelausstellung)
Köln: Art Cologne
13.4.2015 - 17.4.2015: Galerie Löhrl (Messe)
Dornbirn: Art Bodensee
10.7.2015 – 12.7.2015: Galerie Obrist (Messe)
Siegen: Siegerlandmuseum
25.10.2015 - 10.1.2016: Nuhr um die Welt (Einzelausstellung)
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
29.08.2015 - 24.10.2015: 250 – Jubiläumsausstellung der Galerie Löhrl (Gruppenausstellung)
Deutscher Comedypreis
2016
Wesel: Städtisches Museum Wesel
24.1.2015 – 23.3.2016: Nuhr aus Wesel (Einzelausstellung)
Rheda: Orangerie Schloss Rheda
20.3.2016 - 14.4.2016: (Einzelausstellung)
Köln: Art Cologne
15.4.-19.4.2016: Galerie Löhrl (Messe)
Coesfeld: Museum Haus Kolvenburg/Billerbeck
29.05.2016 - 28.08.2016: Nuhr um die Welt (Einzelausstellung)
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
18.09.2016 – 05.11.2016: Nuhr auf Reisen – Neue Fotoarbeiten (Einzelausstellung)
Köln: COFA Contemporary - Cologne Fine Art
16.11.2016 – 20.11.2016: Galerie Löhrl (Messe)
2017
Stuttgart: Galerie Küper
12.3.2017 - 12.4.2017: Arbeiten aus anderen Welten (Einzelausstellung)
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
11.3.2017 – 13.5.2017: Schwarz-Weiß (Gruppenausstellung mit Stephan Balkenhol, Joseph Beuys, Henri Cartier-Bresson, Ulrich Erben, Katsura Funakoshi, Horst Gläsker, Christof Klute, Roman Kochanski, Palermo, Otto Piene, Julia Rothmund, Ulrich Rückriem, Klaus Schmitt, Gregor Schneider, Anett Stuht, Günther Ücker, Keiji Uematsu, Thomas Virnich)
Köln: Art Cologne
26.4.2017 - 29.4.2017 Galerie Löhrl (Messe)
Berlin: Me Collectors Room Berlin – Stiftung Olbricht
08.06. bis 01.07. Edition 12-21 (Gruppenausstellung mit Stephan Kaluza, Elger Esser, Dieter Nuhr, Katharina Sieverding, Stefan Kürten, Mischa Kuball, Johanna Flammer, Kate Waters, Yvonne Roeb, Bahar Batvand, Frauke Dannert, Paloma Varga Weisz, Karin Kneffel, Bernd Schwarzer, Martin Klimas, Sigrid von Lintig, Jutta Haeckel, Frank Bauer, Elke Thesing, Katharina Grosse, Klaus Mettig)
Beijing / China: Galerie Pékin Fine Arts
9.9.2017 - 7.11.2017: Images Of Other Worlds (Einzelausstellung)
Georgsmarienhütte: Museum Villa Stahmer
1.10.2017 – 26.11.2017: (Einzelausstellung)
Düsseldorf: Berger Kirche
17.10.2017 – 3.11.2017: Transit (Mit Stephan Kaluza)
Düsseldorf: ART Düsseldorf
17.11.2017 – 19.11.2017: Galerie Löhrl (Messe)
2018
Essen: Galerie Obrist
17.2.2018 – 17.3.2018: (Einzelausstellung)
Berlin: Galerie Michael Schultz Contemporary
28.2.2018 – 25.3.2018: Das grüne Quadrat (Einzelausstellung)
Weilburg: Museum am Rosenhang
18.3.2018 – 16.6.2018 (Einzelausstellung)
Köln: ART Cologne
19.4.2018 - 22.4.2018: Galerie Löhrl (Messe)
München: Galerie Kampl
8.5.2018 - 5.6.2018: Humorlose Bilder (Einzelausstellung)
Shanghai: Photo Fair
21.9.2018 - 23.9.2018 (Messe)
Düsseldorf: ART Düsseldorf
16.11.2018 - 18.11.2018 Galerie Löhrl (Messe)
2019
Hilden: Kunstraum Gewerbepark Süd
10.5.2019 - 10.5.2019: Fremde Welten (Einzelausstellung)
Köln: Art Cologne
10.4.2019 - 14.4.2019: Galerie Löhrl (Messe)
Schwäbisch Gmünd: Museum im Prediger
12.5.2019 - 10.6.2019: Bilder aus anderen Welten (Einzelausstellung)
Stuttgart: Galerie Küper
23.6.2019 - 20.7.2019 Neue Bilder aus anderen Welten (Einzelausstellung)
Brühl: Kunstverein Brühl
16.6.2019 - 7.7.2019 (Einzelausstellung)
Dresden: Kunsthalle Dresden
23.8.2019 - 23.11.2019 (Einzelausstellung)
Chengdu: Luxehills Art Museum
17.10.2019 - 6.11.2019 (Einzelausstellung)
Düsseldorf: ART Düsseldorf
15.11.2019 - 17.11.2019 Galerie Löhrl (Messe)
2020
Essen: Galerie Obrist
25.1.2020 – 29.2.2020: Neue Bilder (Einzelausstellung)
Iserlohn: Städtische Galerie
9.2.2020 – 29.3.2020: Nah und fern (Einzelausstellung)
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
22.3.2020 – 26.4.2020: Neue Bilder (Einzelausstellung)
Oberhausen: Kunstverein
21.6.2020 – 20.9.2020: Parallel (Einzelausstellung)
Marbella / Spanien: Galerie Reiners Contemporary
April bis Sommer 2019: Cuadros (Einzelausstellung)
Münster: Galerie Laing
23.8.2020 – 20.9.2020 (Einzelausstellung)
Berlin: Auswärtiges Amt
29.9.2020 - (Einzelausstellung)
Chengdu / China: Te Xiang Art Space
10.7.2020 – 10.10.2020: Local Structure (Einzelausstellung)
Berlin: Geuer & Geuer Art Project
29.9.2020 - Ende 2020: Remembrance
St. Petersburg / Russland: Puschkin-Museum (verschoben wegen Corona-Pandemie)
Transit (Einzelausstellung parallel zur Ausstellung Transit mit Stephan Kaluza)
Förderpreis des Kunstpreises „Psyche, Kunst und Gesundheit“ der Ruhr-Universität Bochum 2020
Shandong / China: Shandong Museum
10.11.2020 – 11.03.2021 Biennale von Jinan (Gruppenausstellung)
2021
List: Neue Bootshalle List
23.05.2021 – 10.09.2021 Sylt Art Fair (Gruppenausstellung)
Berlin: Galerie Geuer Art Projects
22.09.2021 – 21.09.2022 Transformation (Einzelausstellung)
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
18.09.2021 – 13.11.2021 Feuer Wasser Erde Luft (Gruppenausstellung mit Stephan Balkenhol, Thomas Virnich, Ulrich Erben, Gregor Schneider, Dirk Salz und anderen)
Münster: Galerie Laing
14.11.2021 – 16.01.2022 Real (Einzelausstellung)
Köln: Art Cologne
17.11.2021 - 21.11.2021: Galerie Löhrl (Messe)
Gevelsberg: Kunsthalle Gevelsberg
28.11.2021 – 16.01.2021 Dieter Nuhr in der Sammlung Hense (Einzelausstellung)
2022
Düsseldorf: Hetjens-Museum
13.03.2022 – 17.04.2022 Von überall (Einzelausstellung)
Ulm: Kunstverein Ulm
03.04.2022 – 15.05.2022 (Einzelausstellung)
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
03.04.2022 - 18.06.2022 50 Jahre Galerie Löhrl (Gruppenausstellung mit Otto Piene, Heinz Mack, Günther Uecker, Stephan Balkenhol und anderen)
Würzburg: Galerie Ilka Klose
19.03.2022 – 27.04.2022 (Doppelausstellung mit Stephan Kaluza)
Düsseldorf: ART Düsseldorf
08.04.2022 – 10.04.2022: Galerie Löhrl (Messe)
Hagen: Osthaus-Museum
26.05.2022 - 19.06.2022 Von Fernen umgeben (Einzelausstellung)
Venedig / Italien: Biblioteca Nazionale Marciana
01.09.2022 – 28.09.2022 Circondato da lontano (Einzelausstellung)
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
17.09.2022 . 17.10.2022 (mit Stephan Kaluza)
Dakar / Senegal: Musée Théodore Monod d’Art Africain Dakar
28.11.2022 - 28.12.2022 Entouré de loin (Einzelausstellung)
2023
Düsseldorf: ART Düsseldorf
30.03.2023 – 02.04.2023: Galerie Löhrl (Messe)
Düsseldorf: Galerie Geuer & Geuer
20.04.2023 – 26.05.2023 Ent-fernte Welt (Einzelausstellung)
Rom: Museo Maxxi
03.05.2023 - 28.05.2023 Circondato di lontano (Einzelausstellung)
Münster: Galerie Laing
19.08.2023 - 30.09.2023 (Mit Per Kirkeby)
Berlin: Galerie Mond - Frieda Vogel
27.09.2023 - 29.10.2023 Lob der Ferne (Einzelausstellung)
Koblenz: Ludwig-Museum
08.10.2023 – 12.11.2023 Nah ist das Land, das sie das Leben nennen (Einzelausstellung)
Köln: ART Cologne
16.11.2023 – 19.11.2023: Galerie Löhrl (Messe)
2024
Essen: Galerie Obrist
04.02.2024 – 16.03.2018: Vom Verschwinden der Bilder (Einzelausstellung)
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
03.03.2024 – 27.04.2024: Ins Blaue hinein (Gruppenausstellung)
Düsseldorf: ART Düsseldorf
11.04.2024 – 14.04.2024: Galerie Löhrl (Messe)
Wien: Kunstforum
09.07.2024 – 04.08.2024: Woanders ist überall (Einzelausstellung)
Goslar: Mönchehaus-Museum
21.07.2024 - 22.09.2025: Du denkst an durchfahrene Länder (Einzelausstellung)
Köln: ART Cologne
07.11.2025 - 10.11.2025: Galerie Löhrl (Messe)
München: Bayerisches Nationalmuseum
10.11. – 08.12.2024: Woanders ist überall (Einzelausstellung)
Münster: Galerie Laing
07.12.2024 – 09.02.2025: Du denkst an durchfahrene Länder (Einzelaussstellung)
2025
Riegel am Kaiserstuhl: Kunsthalle Messmer
07.03.2025 – 15.07.2025: Zwischen den Welten (Doppelausstellung mit Stephan Kaluza)
Düsseldorf: ART Düsseldorf
11.04.2025 - 13.04.2025: Galerie Löhrl (Messe)
Florenz: Palazzo Medici Riccardi
13.05.2025 – 10.06.2025: Woanders ist überall (Einzelausstellung)
Havanna / Kuba: Museo Bellas Artes Havanna Kuba (Ausgefallen aufgrund der aktuellen politischen Lage)
24.07.2025 – 28.08.2025: Woanders ist überall (Einzelausstellung)
List auf Sylt: Alte Bootshalle
07.06.2025 - 14.09.2025: Sylt Art Fair (Gruppenausstellung mit Otto Piene, Ai Weiwei, Günther Uecker, Heinz Mack, Gottfried Helnwein, Gerhard Richter, Julian Schnabel, Karel Appel, Asgar Jorn, David LaChapelle, Jeff Koons, Damien Hirst, Yvonne van Acht, Jiri Dokoupil, Bernar Venet, Markus Lüpertz, Jörg Immendorf, Max Ernst, Imi Knoebel)
Düsseldorf: Galerie Geuer&Geuer
20.06.2025 - 20.08.2025: Sommerausstellung (Gruppenausstellung mit Heinz Mack, Bernar Venet, Erwin Wurm, Julian Schnabel, Günther Ücker, Otto Piene, Jiri Dokoupil, Markus Lüpertz)
Beijing / China: Jiny Lan / Dieter Nuhr
17.08.2025 - 31.08.2025: WindHArt Center Beijng 798
Mönchengladbach: Galerie Löhrl
21.09.2025 - 22.11.2025: Nuhr auf Reisen (Einzelausstellung)
2026
Regensburg: Jiny Lan / Dieter Nuhr
20.03.2026 – 26.04.2026: Galerie ART Affair
(Doppelausstellung mit Jiny Lan)
Düsseldorf: ART Düsseldorf
16.04.2026 - 19.04.2026: Galerie Löhrl (Messe)
List auf Sylt: Alte Bootshalle
23.05.2026 – 06.09.2026: Sylt Art Fair (Gruppenausstellung mit Julian Schnabel, Erwin Wurm, Jonathan Meese, Günther Uecker u.a.)
Mönchengladbach: Inhouse
13.06.2026 - 16.07.2026: Galerie Löhrl (Gruppenausstellung mit Stephan Balkenhol, Paul Distel, Stephan Kaluza, Ulrich erben, Dirk Salz u.a.)
Basel (Schweiz): ARTainer - Pop-up-Ausstellung im Kunstcontainer
14.06.2026. - 19.06.2026: The ARTainer Petersplatz (Doppelausstellung mit Jimy Lan)
2027
Bochum: Deutsches Bergbaumuseum „Schwarzer Diamant“
25.05.2027 - 27.06.2027: Woanders ist überall (Einzelausstellung)
Worpswede: Worpsweder Kunsthalle
20.11.2027 -19.03.2028: Ansichten von anderswo (Einzelausstellung)
Zutphen (Niederlande): Stedelijk Museum Zutphen
08.12.2027 - 18.03.2028: Woanders ist überall (Einzelausstellung)
Katalogtext "Woanders ist überall"
Kunst oder: Wo bin ich? Und was mache ich hier eigentlich?
Über Bedeutung und Begreifen
Man kann die Welt als absurdes Theater oder als poetisches Spektakel begreifen, als erschütternde Katastrophe oder als berauschendes Ereignis, für all diese Blickwinkel gibt es gute Gründe, und was man höher gewichtet, das Werden oder das Vergehen, Depression oder Heiterkeit, ist nicht nur beliebig oder kulturell bedingt, sondern wahrscheinlich wohl in erster Linie vom Botenstoffhaushalt desjenigen abhängig, der die Bewertung vornimmt. Wahrscheinlich sind es an vorderster Front Dopamin, Serotonin und ihre Kollegen, die darüber entscheiden, was uns mehr beeindruckt, das gleißende Wunder der Geburt oder der unerbittliche Schrecken des Todes.
So ist es möglich, die Welt mit ätzendem Humor und mit verzweifeltem Ernst zu betrachten. Und im besten Fall ist der Geist so geweitet, dass man zu beidem in der Lage ist.
Ich versuche der Welt mit gebührendem Ernst, aber auch mit einem Bekenntnis zur Lachhaftigkeit zu begegnen. Natürlich ist mir klar, dass das Leben ein tragischer Vorgang ist, vor allem gegen Ende. Um das Leben als groteske Komödie begreifen zu können, muss man verstanden haben, dass das Dasein auch tragödienhafte Züge trägt, schon weil es für den Einzelnen immer mit der ultimativen Niederlage endet, dem Tod.
Zu sagen, dass man das Leben als Fluss zwischen diesen beiden Ufern betrachtet, mag heute als Plattitüde erscheinen. Es ist dennoch ein zutreffendes Bild. Wir sind im „Flow“. Nicht umsonst begann das Philosophieren mit dem Gedanken, dass alles fließt, kein Mensch zweimal in denselben Fluss steigen kann und alles von der Quelle bis zur Mündung strömt, wo das Leben in Auflösung mündet, sich in den Ozean der Unendlichkeit ergießt, wieder verdunstet und ins Wolkige verpufft, bis der Tropfen des Lebens von Neuem zu Boden fällt und versickert, um dann wieder, ausgehend von irgendeiner Quelle, erneut Richtung Meer zu wandern. In Asien hat man aus dieser recht banalen Erkenntnis ganze Religionen entwickelt.
Man kann sich als bedeutungsloser Tropfen fühlen oder als Teil der ewigen Wiederkehr, als nichtiges Sandkorn im Universum oder als wichtiges Rad im großen Getriebe. Beides ist richtig. Der indische Taxifahrer, der mir voller Stolz von der Bedeutung seiner Tätigkeit berichtete, war mit Sicherheit glücklicher als sein Berliner Kollege, der sich vom Leben und natürlich vor allem von der Regierung tagaus, tagein betrogen fühlt.
Ich finde es allemal schlauer, das Leben in buddhistischer Gelassenheit zu betrachten als in protestantischer Depression. Wenn ich wählen müsste, würde ich mich lieber für die drei Millionen Götter der Hindus als für den strafenden Richter der monotheistischen Religionen entscheiden, aber niemand sucht sich seinen Kulturkreis selbst aus.
Ich bin an der Lippe geboren, am Rhein aufgewachsen und an der Ruhr erwachsen geworden. Ich habe mein Leben lang auf Flüsse geschaut. Es ist kein Wunder, dass ich irgendwann auch Okavango und Sambesi sehen wollte, den Ganges und den Nil und in der Folge dann auch die Orte, die ohne Fluss ihr Dasein fristen müssen, die Namibwüste, die Rub-al-Chali (das „leere Viertel“ der arabischen Halbinsel) oder das Ladakh, wo man zwischen Geröll und Felsen spürt, dass wir auf einem Planeten leben, der genauso gut leblos hätte bleiben können.
Ich betrachte das Leben als Reise, eine ebenso alte Metapher wie „Der Fluss“, ebenso abgedroschen und ebenso treffend. Der Begriff der Reise impliziert, dass man immer wieder an neue und unbekannte Orte gerät, in unabwägbare Situationen und unentwegt Neues erfährt und lernt. Das ist das Wesen des Reisens wie des Lebens. Und damit auch das Wesen der Kunst. Es geht darum, das Erfahrene zu erfassen und zu verarbeiten, Neues zu schaffen, zu formulieren. Mehr ist es nicht, was ich tue.
Wer die Welt bereist, erkennt schnell, dass die Differenzen in der Lebensführung der Menschen dramatisch sind. Die einen glauben an Götter mit unzähligen Armen oder Elefantenkopf, andere an einen Schöpfergott, der seine Vorstellungen einem Beduinen in der Wüste offenbart, wieder andere, dass der Allmächtige seine selbst geschöpften Wesen straft, weil sie nicht seinen Vorstellungen entsprechen. Hier bei uns glauben einige an die heilende Kraft von inhaltsleeren Traubenzuckerkügelchen oder daran, dass das Unglück ihres Lebens Schuld der Regierung sei.
Die Erkenntnisfähigkeit des Menschen ist offensichtlich überschätzt. Er rätselt, kommt zu zweifelhaften Ergebnissen, die er mit umso größerer Vehemenz verteidigt, und am Ende schluckt er Vitamin D, afrikanische Kräuter oder geriebene Antilopenhörner, um die Götter der Gesundheit gnädig zu stimmen. Man könnte den Menschen aufgrund seiner rührenden Vergeblichkeit mögen, wenn er nicht so militant verteidigen würde, was er nicht begriffen hat. Verbissenheit ist wenig sympathisch, vor allem, weil sie mit sich bringt, dass sich die meisten Menschen der Relativität ihrer Weltsicht wenig bewusst sind.
Niemand kann von sich behaupten, er hätte die Welt verstanden. Niemand kann überall gewesen sein. Und selbst wer es versucht hat, muss nach Jahrzehnten oft feststellen, dass er den Ort, an dem er vor 20 Jahren war, bei der Wiederkehr kaum wiedererkennt. Die Welt ist im Wandel, und in ihrer Erforschung kommt man nicht ans Ziel.
Das Wesel, in dem ich geboren wurde, war ein anderer Ort als der, den man heute besuchen kann (was nur Wenige tun, zu Recht, wahrscheinlich...). Das Ruhrgebiet, in dem ich studiert habe, steckte damals in einen einzigartigen Strukturwandel, nur um jetzt, da alles mehr oder weniger gut gelungen und geschafft scheint, festzustellen, dass der nächste Wandel vor der Tür steht. Essen-Rüttenscheid muss digitalisiert werden. Gelsenkirchen will diverser werden. Herne wird klimaneutral.
In Deutschland nimmt man die Zukunft sehr ernst. Das ist gut! Aber man sollte sich nicht überschätzen! Nicht wenige in Deutschland begründen existenzbedrohliche Einschnitte damit, Deutschland müsse „ein Zeichen setzen“ oder „als Vorbild vorangehen“. Das ist Unsinn. Man kann den technologischen Wandel als ökonomische Chance begreifen, keine Frage. Aber zu glauben, wir hätten als Europäer die Aufgabe, der Welt voranzuschreiten, erscheint mir völlig weltfremd. Niemand schaut auf uns als Vorbild. Das war einmal…
Europa ist ein absteigender Kontinent. Die westliche Welt zerfällt. Wir können auf eine Zeit zurückblicken, in der wir das Zentrum der Entdeckungen und Erfindungen waren. Der Westen kann – obwohl seine Geschichte, wie jede Vergangenheit, oft nicht den moralischen Imperativen der Gegenwart entspricht – auch mit Stolz auf viele Teile seiner Geschichte zurückblicken. Im Westen wurde erfunden, was niemand auf der Welt mehr missen möchte: Wechselstrom, Wundpflaster und Wissenschaft, also das Wichtigste was wir haben: Wissen auf Basis von Statistik und Empirie.
Philosophiert und gerechnet wurde natürlich auch woanders. Aber Flugzeuge, Kühlschränke und Impfungen beruhen auf genuin westlicher Forschung, die das Leben weder als religiöse, noch als magische Veranstaltung begreift, sondern als rationalen Prozess, in dem man Erkenntnis nicht durch Offenbarung erlangt, sondern durch Wissenschaft, durch Beweis und Falsifizierung.
Die Vernunft ist eine Idee der westlichen Aufklärung. Ich denke, also bin ich. Die systematische Wissenschaft als Prozess von Versuch und Irrtum, ist die bis heute führende Form der Erkenntnisgewinnung. Die Vorherrschaft des Westens war über Jahrhunderte technologiebasiert, Dampfmaschine, Verbrennungsmotor, Elektrizität. Nun wird diese Technik von anderen ebenso genutzt und oft auch verbessert. Der Westen hat seine Führerschaft verloren. Dennoch: Nach der Sesshaftwerdung durch die Erfindung der Landwirtschaft, war die westliche Industrialisierung mit Steckdosen, künstlichem Licht und Gaskocher die zweite Revolution der Menschheit, ohne die Milliarden Menschen, die heute unseren Planeten bevölkern, nicht leben würden.
Das ist keine Abwertung anderer Kulturen. Ich halte aber die negative Bewertung aller westlichen Errungenschaften in der Geschichte für einen fundamentalen Fehler unserer Zeit – und ganz nebenbei für eine historische Dummheit, weil auch die Hater des Westens ihre Ideologie nur verbreiten und begründen können mit auf westlichen Entwicklungen beruhenden Technologien und Begriffen.
Im Westen gründet der Individualismus, die Bürgergesellschaft, die Res Publica, die Demokratie. Das Individuum ist immer noch Grundlage aller Kultur und Kunst. Nicht zuletzt deshalb schätzen Kollektivisten den individuellen Ansatz in der Kunst gering. Künstlerkollektive machen sich breit. Die Welt ist in steter Transformation, und eine davon ist die zum Kollektiv. Ich dagegen bin gerne außerhalb des Rudels. Ich heule ungern mit den Wölfen. Ich sehe mich in erster Linie als individuell handelndes Ich, nicht als Unterobjekt einer Gemeinschaft.
Natürlich sind wir alle nur Erzeugnisse unserer Gene und unserer Erfahrungen und damit sozial bedingte Wesen. Aber wir sind nicht nur Objekte. Wir entscheiden uns als Einzelpersonen für diesen oder jenen Weg, für das, was wir lieben und das, was wir hassen. Wir tragen als einzelne Verantwortung. Wer das nicht anerkennt, degradiert den Menschen zur Maschine und nimmt ihm jeden Wert.
Die großen Utopien des 20. Jahrhunderts - die von völkischer Reinheit genau wie die von allumfassender Gleichheit – vereint, dass der Mensch ausschließlich als Teil des Kollektivs begriffen wird, in dem jedes individuell abweichende Verhalten als Verbrechen gegenüber Volk, Klasse, Vaterland oder Gemeinschaft gewertet wurde. Abermillionen Menschen wurden im Namen des Guten gefoltert, vertrieben oder umgebracht. Trotzdem findet sich auch heute noch eine wahrscheinlich sogar wachsende Zahl von Leuten, die es noch einmal probieren wollen.
Wer reist begreift schnell, dass die Menschheit kein Kollektiv ist. Sie ist divers. Und diese Diversität hat nichts mit jener zu tun, für die selbsternannte akademische Eliten im urbanen Elfenbeinturm kämpfen, deren Vorstellung von Diversität darin besteht, die Menschen zu kategorisieren und dann in gänzlich undiverse Kollektive einzuteilen, mit Buchstabenkürzeln oder Sternchen zu versehen und sie damit vom Menschen zur Einheit zu deklassieren.
Der Mensch ist Individuum. Es gibt eine ungeheure Vielfalt menschlicher Ideen vom richtigen und vom falschen Leben, so viele, dass man als Reisender unweigerlich begreifen muss, dass die Reduktionen und Abstraktionen unserer Modelle viel zu primitiv sind, um das Unendliche zu benennen.
Die Rhetorik vieler Kollektivisten basiert auf der Entmündigung des Einzelnen und führt in die totalitäre Herrschaft. Das gilt für die Rechten, die absurderweise völkische Reinheit für die Grundbedingung der guten Gesellschaft halten, es gilt ebenso für Linke, die gegen jedes bessere Wissen die Gleichheit aller Menschen postulieren, oft weil sie Gleichstellung, also Gleichsein mit Gleichberechtigung, also gleichem Recht für alle verwechseln.
Dasselbe gilt für religiöse Radikale, die glauben im Sinne eines wie auch immer gearteten „Gottes“ zu handeln, oder sonstige Fanatiker, die sich irgendeines Themas angenommen haben, von dem sie glauben, das Glück oder das Überleben der Menschheit hänge an einem monothematischen Faden.
Der alte Kontinent – der eigentlich nicht älter ist als die anderen - verliert gerade seine in Jahrhunderten eingeübte Rolle als Motor des Wandels in der Welt. Die Erde geht über in das pazifische Zeitalter, in dem Europas Aufgabe im Wesentlichen darin besteht, seiner vergangenen Größe nachzutrauern und ansonsten immer weniger Subjekt und immer mehr Objekt der Geschichte zu sein, so wie es China in den letzten 200 Jahren war. Reiche kommen, Reiche vergehen. Reichtum auch.
Wir können nicht anders, als diesem Leben, das sich immerfort ändert, mit Bereitschaft zur Veränderung zu begegnen.
Den meisten Menschen auf dieser Welt erscheint als unerreichbare Utopie, was in unserer Gesellschaft erreicht ist, nämlich, dass Nahrung, Kleidung, Heizung, Bildung, Wohnung und medizinische Versorgung für alle garantiert sind. Zudem gibt es einen in der Menschheitsgeschichte extrem seltenen Zustand individueller Freiheit, sowohl in der Rede, als auch im Handeln. Wir sollten diesen Zustand wertschätzen. Es ist von größter Bedeutung, dass wir uns der Errungenschaften unserer Gesellschaft bewusstwerden, damit wir beurteilen und diskutieren können, was wir zu tun bereit sind, um sie nicht zu verlieren.
Über Kunst und Kultur
Meine künstlerischen Äußerungen, um die es ja hier im Eigentlichen gehen soll, basieren auf meiner individuellen Welterfahrung. Wie sollte es anders sein? Als Einzelperson geworfen in eine unverständliche Welt werden wir vertrieben aus Mutterbauch und Familie, suchen uns neue Gefährten und finden oder bilden neue Blasen und Sphären, nur um am Ende auch aus diesen wieder vertrieben zu werden. Das hört sich wenig freudvoll an, ist aber nur eine nüchterne Analyse. Das Glück liegt im Finden mindestens erträglicher, im besten Fall sogar genießerischer oder sinnreicher Lebensumstände.
Das Leben ist somit ein Zustand steter Transformation. In einer immerwährenden Gegenwart lebend nimmt unser Bestand an Vergangenheit zu, während unsere Zukunft ungewiss ist. Wir pflegen uns und unseren Körper, wir bilden unseren Geist. Wir analysieren und gestalten. Wir denken und handeln. Mehr können wir nicht tun. Ich habe die große Freude, mein Leben mit künstlerischer Arbeit bestreiten zu können. Da ist Demut geboten! Was für ein Glück!
Im Wort kann ich die Welt versuchen zu beschreiben, zu verstehen, zu karikieren, bis zur Kenntlichkeit zu entstellen und mitzugestalten. Diese Arbeit ist argumentativ. Sie nutzt deshalb Sprache als Werkzeug. Die Arbeit am Bild dagegen ist stiller, introvertierter, aber auch weiter, offener, sinnlicher vielleicht, assoziativer, sie verbleibt im Vagen und entzieht sich eindeutiger Lesarten. Sie nimmt den Betrachter so ernst, dass sie ihm seine eigenen Deutungen lässt.
Alles was im Angesicht der Bilder gedacht wird, passiert nicht im Bild, sondern nur im Kopf des Betrachters. Bilder lösen Denken aus, sie schreiben es nicht vor.
Nicht selten fragt sich der Betrachter, was der Künstler sagen wollte. Wenn er etwas hätte sagen wollen, hätte er wahrscheinlich gesprochen. Es ist das große Privileg derer, die Bilder machen, sich der Eindeutigkeit der Worte entziehen zu können.
Kultur spielt in unserer Gesellschaft eine vergleichsweise große Rolle. Viel Geld wird bewegt, um Kultur zu fördern und ihr einen Ort zu geben, an dem sie gelebt werden kann. Kultur ist das, was den Menschen umtreibt, wenn das Wesentliche geschafft ist und Religion nicht mehr die zentrale Rolle zukommt. Wer behauptet, dass Kultur ein Lebensmittel ist, wie es unter Kulturschaffenden gerne vorkommt, um die eigene Wichtigkeit zu betonen, hat noch nie Mangel an echten Lebensmitteln erlebt.
Mir liegt es fern, meine Tätigkeit als "Kulturschaffender" zu heroisieren. Allein der Begriff "Kulturschaffender" lässt erahnen, dass die Kultur bei uns allzu oft in den Händen hierarchieerfahrener Apparatschiks liegt, die unter Kultur in erster Linie das fehlerfreie Ausfüllen eines Antragsformulars oder das Erstellen eines politisch korrekten Paradigmenkataloges verstehen.
Menschen, die Kultur aus einem unerfindlichen Drang heraus und mit einer anarchischen, ideologiefreien Energie betreiben, haben es nicht leicht in Zeiten, in denen das stringente Erfüllen soziologischer Erwartungen als wesentliches Merkmal der förderungswürdigen künstlerischen Haltung gilt.
Allzu oft gerät heute in den Künsten das Überraschende gegenüber dem Gutgemeinten in den Hintergrund. Kunstausstellungen werden auf Aktivismus reduziert. Das Rätselhafte und Uneindeutige, das Zweifelnde und Suchende haben weniger Konjunktur.
Als ausstellungswerter Künstler gilt oft, wer teamfähig ist, nicht Werke, sondern Projekte schafft und politische Ziele verfolgt. Es gilt, sich der Zukunft nicht offen, sondern im Sinne der progressiven Agenda zu nähern. Der Individualist mit unpolitischer oder zweifelnder Haltung gilt als gestrig. Anarchisten werden nur dann geduldet, wenn sie der „neoliberalen“, „postkolonialistischen“ Gesellschaft den Mittelfinger zeigen. Wer sich dem angesagten Kanon verweigert, wird nicht mehr eingeladen. Die ideologisch einwandfreien Linksidentitären sind die Salonkünstler des 21. Jahrhunderts. Sie lassen sich ihren Kampf bezahlen vom Staat und der Gesellschaft, die sie bekämpfen. Das ist kaum ohne Ironie zu betrachten.
Mir ist ideologische Gewissheit verdächtig. Ich mag ergebnisoffenes Denken und verstörende Unklarheit. Werke, bei denen sich die Fragen „Warum?“ oder "Was ist das?" gar nicht erst stellt, finde ich eher uninteressant.
Mir gefällt es, wenn das Bildnerische die Niederungen des alltäglichen Verteilungskampfes verlässt und das Auge auf das Unerklärliche, das Ewige, vielleicht auch das Unveränderliche oder Seltsame lenkt, vielleicht sogar auf das Schöne, was heute gemeinhin als unerwünscht gilt. Aber das Schöne ist ein überaus wichtiger Teil unseres Denkens und Fühlens.
Das mag denen missfallen, die alles unter dem Gesichtspunkt betrachten: Hilft es meinen Zielen oder kann es weg? Die Unterwerfung unter das Denken in politischen Utilitarismen ist tief in unsere Kultur eingedrungen und es soll schon passiert sein, dass das Kuratieren dem Diktat des politischen Kampfes um einen vermeintlichen Fortschritt unterworfen wurde, der sich selbst kaum noch infrage stellt, weil er um die Absolutheit seines Anspruches weiß. Die Geschichte aber zeigt: Die Proklamation der absoluten Wahrheit und in der Folge die Abschaffung des Zweifels geht der Diktatur voraus.
Man muss kein Pessimist sein, um sich heute um die Freiheit des Einzelnen zu sorgen. Ein großer Teil unserer Bevölkerung sieht die freie Meinungsäußerung als gefährdet an. Die Differenz zwischen öffentlich gesprochenem Wort und der privaten Äußerung wächst. Man ist vorsichtig, weil man Konsequenzen fürchtet. Dieser Zustand ist gefährlich für die Demokratie.
Für viele im politischen Diskurs ist Freiheit an sich rechtfertigungsbedürftig geworden, was bedeutet, dass ihre Abschaffung zu einer Option geworden ist. Gerne wird sie von akademischen Eliten infrage gestellt mit der Begründung, sie wüssten es besser als die Masse, die sich nach Meinung der Wissenden zu wenig klimafreundlich, antikolonialistisch oder gerecht verhält. Auch wenn das im Einzelfall stimmen mag, ist der Vorgang beängstigend. Immer mehr Menschen sind bereit, die Freiheit der Rede geringer zu schätzen als den Glauben an eine unanzweifelbare Wahrheit, die von Autoritäten definiert wird. Selbst ernannte Wissende halten Widerrede für Majestätsbeleidigung, ob es um Viren geht, das Klima oder Gleichstellung. Das erzeugt in mir – und nicht nur in mir - Renitenz. Dies aber ist kein Thema meiner Kunst. Wer als Künstler glaubt, sich den Themen der Zeit unterwerfen zu müssen, hat die erste Einschränkung der künstlerischen Freiheit bereits akzeptiert.
Ich halte es für wichtig, politisch gesellschaftliche Einflussnahme nicht zu emotionalisieren. Viele halten es, vor allem in Erwartungen der apokalyptischen Erwartung der Zerstörung unseres Lebensraumes, für angemessen, alles, auch die Kultur, einem Imperativ der Weltrettung zu unterwerfen. Ich halte dies nicht nur für pathetische, sondern auch für pathologische Selbsterhöhung. Strategien sollten in Diskussionszirkeln auf Basis von Argumenten entworfen werden, nicht in ästhetischen Interventionen.
Ich leugne keinesfalls: Die Welt steht vor gravierenden Problemen, mit denen sich auch Menschen auseinandersetzen müssen, die sich als „unpolitisch“ begreifen, schon weil die Probleme alle Lebensbereiche betreffen werden. Die Welt wird allerdings nicht untergehen.
Nur ein Beispiel: China arbeitet daran, in den nächsten Jahrzehnten nicht nur Strom im Weltall erzeugen mit Sonnenkollektoren, die ihre Energie in Form von Mikrowellen zur Erde schicken, sondern wird zudem Kernreaktoren bauen, die den bisher angehäuften Atommüll als Rohstoff verwenden und ihn von einem Millionen Jahre lang strahlenden Problem in eine Energiequelle mit einer radioaktiven Halbwertszeit von gerade noch 300 Jahren verwandeln. Man kann nur hoffen, dass sie erfolgreich sein werden.
Leider gehen solche Entwicklungen nicht mehr von Europa aus. Wir haben unsere Funktion als Innovationsmotor eingebüßt. Wir reagieren heute oft lieber mit dem Mittel des Verbotes als mit dem der Innovation. Insofern ist auch bei der Bewältigung existentieller Menschheitsprobleme nicht in erster Linie auf westliche, sondern auf globale Erfindungskraft zu hoffen.
Die Kunst wird zur Lösung der Menschheitsprobleme allerdings mit Sicherheit nichts Entscheidendes beitragen. Das ist auch, sind wir ehrlich, nicht ihre Aufgabe.
Meine Bilder haben keinen pädagogischen Gehalt. Alles, was man als Rezipient hineinliest, entstammt dem Kopf desjenigen, der liest. Ein Werk, das den Klimawandel oder Kolonialismus anprangert, wird nur im Kopf desjenigen etwas bewegen, der ohnehin schon auf der vermeintlich guten Seite der Macht steht. Es ist Bestätigungskunst und damit überflüssig, wenn es nicht eine über den bloßen agitatorischen Impetus hinausgehende Qualität aufweist.
Meine Bilder zeigen einen Ausschnitt der Welt, den ich subjektiv ausgewählt habe. Ich bin nicht bereit, den Korridor des Zeigbaren auf soziologische oder ökologische Problemfelder zu verengen. Auch in einer Zeit, in der die menschliche Zivilisation als solche auf dem Prüfstand steht, darf sich menschlich kulturelle Existenz nicht auf das das eine, alles überschattende Thema fokussieren. Ich kann die Welt nicht ausschließlich unter dem Aspekt ihrer Vulnerabilität betrachten, schon gar nicht unter dem eines von Eliten formulierten gesellschaftlichen „Fortschritts“.
Das künstlerisch kreative Selbst muss in diesen Tagen, so ist zumindest mein Eindruck, oft hinter dem Zurückstehen, was kollektiv denkende, an gesellschaftlichen Zielen orientierte Aktivisten formulieren. Die ideologischen Ziele, die ihre Inhaltsleere oft hinter völlig überstrapazierten Schlagworten wie "progressiv", "antikolonialistisch" oder "emanzipatorisch" verstecken, sind in ihrer Abstraktion im Wesentlichen weltfremd und stimmen mit dem, was ganz normale Menschen im Arbeitsprozess, Arbeiter, Angestellte oder Selbständige denken oder fühlen, nicht mehr im Geringsten überein. Die selbsternannten akademischen Eliten haben sich kilometerweit von der Lebenswelt derer entfernt, für die sie zu kämpfen vorgeben, dem Volk eben, also dem vietnamesischen Metzger, dem afrikanischen Nagelschmied oder der bolivianischen Hebamme, die getrocknete Lamaföten zur Beschwörung guter Geister nutzt.
Mein Ziel war es immer, andersherum vorzugehen, nicht der Welt meine Vorstellungen aufzuzwingen, sondern von der Welt zu erfahren, was es gibt und was geht. Meine künstlerische Arbeit, sowohl als bildender Künstler wie auch als Autor und Satiriker, beruht im Wesentlichen auf offener, nicht zielgerichteter Wahrnehmung, auf Herumgehen, Wahrnehmen, Verarbeiten, nicht zuletzt auch auf Staunen.
Im Reisen schaffe ich mir selbst Distanz zur meiner heimatlichen Lebenswelt, erweitere sie, in dem ich mich einer unbegreiflichen Fremde öffne. Ich verlasse den Raum des begrifflich Fassbaren und lasse die Eindrücke ungefiltert fließen. Ich nehme auf - ergebnisoffen. Das heißt nicht, dass ich nicht werte. Aber das Ziel einer Reise ist nicht die Bestätigung meiner Maßstäbe, sondern die Erweiterung.
Je mehr ich in meinem Leben gesehen habe, umso weniger Hoffnung hatte ich, die Welt als Ganzes zu begreifen. Der Ideologe muss unbedingt vermeiden, die Welt kennenzulernen, denn er wird sonst feststellen müssen, dass die Reduktion dessen, was ist und sein soll, die Vielfalt der Welt bis zur Unkenntlichkeit komprimieren muss, um sie in ein Modell zu pressen.
Ich versuche, die Welt im Reisen zu erfahren. Umherreisen und Schauen sind Grundlage meiner künstlerischen Arbeit. Ich entferne mich von meinem eigenen Lebensraum, um neue Horizonte kennenzulernen und dadurch Distanz zu meinen eigenen Vorstellungen aufzubauen, sie dadurch für mich selbst sichtbar zu machen.
Ich versuche, das herrschende Dispositiv des Richtigen und Wünschenswerten infrage zu stellen, indem ich mich anderen annähere, die nicht nur andere Vorstellungen von Rationalität haben, sondern sogar die Vernunft selbst infrage stellen und lieber magisch denken.
Nur in der Fremde erfährt man, dass das vermeintlich Selbstverständliche, dass man von zu Hause kennt, alles andere als selbstverständlich ist. Es gibt beispielsweise afrikanische Sprachen, in denen es keine Worte für präzise Zahlen über drei gibt, weil man das Schätzen von Mengen dem genauen Zählen vorzieht. Hier verbalisiert sich eine Weltsicht, die ihre Weisheit nicht auf statistische Wahrscheinlichkeiten gründet, sondern auf sinnliche Erfahrung.
Unsere Weltsicht ist nur eine von Milliarden. Und mag man das eigene Modell auch noch so gut begründen können, es gibt zahllose Menschen, die andere Vorstellungen haben, Weltsichten, die auf Irrationalität, Glauben oder Gewohnheit beruhen und sich rationaler Begründung entziehen.
Natürlich schüttele auch ich den Kopf über vieles auf dieser Welt, was ich als falsch empfinde. Auch ich möchte in meinem politischen Umfeld keine afghanischen Geschlechterverhältnisse und keine bolivianische Vetternwirtschaft, keine turkmenische Korruption und keine nigerianische Gewalt. Aber ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, nach Botswana, Bhutan oder Brasilien zu reisen, um die Verhältnisse dort zu ändern. Ich habe universelle Vorstellungen von richtig und falsch, aber keinerlei Ehrgeiz, diese überall durchsetzen zu wollen.
Ich versuche für mich, den Diskurs über das, was "krank" oder "gesund" ist, zu erweitern, indem ich das in meinem Leben herrschende Normen- und Gesetzgewebe wie in einem Leuchtkasten auf die Konstruktionen der anderen lege und prüfe. Ich versuche die Agenten der Dispositive zu verstehen. Aber in erster Linie will ich mich überraschen und überwältigen lassen.
Ich habe mich oft gefragt, warum ich mich in der Fremde so wohl fühle, als einziger Europäer in einer Teestube in Shibam im Jemen oder beim Wunderheiler in Sambia, beim Tigerpenisschnaps im Nudelhaus von Guilin oder beim ranzigen Yakbuttertee im Kloster Shigatse. Ich glaube (Und ich bin weit davon entfernt, zu sagen: Ich weiß...), es liegt daran, dass ich in der Fremde nicht verstehen muss.
Tagaus tagein sind wir gezwungen, Erklärungen für unser Tun zur Hand zu haben. Schon Kinder werden, weit bevor sie die Rationalität ihres eigenen Handelns begreifen, gefragt: Warum hast du das getan? In der Fremde sind die Dinge rätselhaft. Und sie müssen es bleiben. Wenn sie es nicht mehr sind, ist die Fremde nicht mehr fremd. In der Fremde lässt sich kindlich staunen.
Zu Reisen ist ein Zurück in die Zeit, als man die Welt erst kennenlernen musste. Und im besten Fall ist auch ein Kunstwerk eine Reise in fremdes Terrain.
Über meine Arbeit
Für mich besteht ein wesentlicher Anteil meiner Arbeit darin, mir selbst fremd zu werden. Dann hinterfrage ich das scheinbar Selbstverständliche, überwinde die Denkblockaden des eigenen Rudels und komme zu eigenen, oft vom Üblichen abweichenden Antworten, deren Infragestellung noch in der Zukunft liegt. Ich bewege mich aus dem eigenen Kulturkreis mit seinen Herrschaftsdiskursen heraus, um von außen betrachten zu können... und setze ihnen die Bilder aus meiner Heimat entgegen.
Im Satirischen ermöglicht mir die Distanz, eigene Denkansätze zu finden. Ich benutze Sprache, um mich analytisch und humoristisch am Dasein abzuarbeiten. Aber der größte Teil dessen, was wir über die Welt denken, geht über das, was Sprache formulieren kann, weit hinaus. Was wir wahrnehmen, landet oft im Ungefähren, erzeugt abstrakte Dinge wie Unbehagen oder Wohlgefühl, Sehnsucht oder Ekel. Farben, Töne und Linien wirken auf uns wie rätselhafte Trigger. Was sich der Analytik und Vereinfachung entzieht, entzieht sich auch der Sprache, ist Bild und Klang. In Bildern geht es um Ferne und Nähe. Um Verdecken und Zeigen. Um Schönheit und Zerstörung. Um Sein und Zeit.
Ich will meine Lebenszeit nutzen, um meinen Lebensraum zu erkunden. Meine Forschung unterliegt dabei nicht wissenschaftlicher Methodik. Meine Erkundungen dienen nicht der Kategorisierung. Ich will die Welt auf mich wirken lassen. Dann füge ich ihr etwas Eigenes hinzu. Das ist, kurz zusammengefasst, mein künstlerisches Konzept. Es beruht auf Wahrnehmung und Weiterverarbeitung.
Lange Zeit habe ich meine Bilder einfach fotografisch gesammelt, also als Fundstücke aufgegriffen. Nach dem Studium der Malerei wurde ich zum Fotografen, aus der Motivation heraus, Bilder zu erstellen, die über das Handschriftliche hinaus gehen. Sie sollten etwas objektiv Welt-Abbildendes enthalten. Ich fand meine Motive im Wesentlichen in Räumen, Dingen, Oberflächen, Bilder, die einer Art Mischwelt zwischen Abstraktion und objektivem Abbild entstammten und eine Art ortsspezifische Textur aufwiesen. Diesen Begriff der "Local Texture" verdanke ich den Ausstellungsmachern meiner gleichnamigen Ausstellung in Chengdu.
Mit Covid-19 wurde das Reisen zur Herausforderung, teilweise unmöglich. Das Reisen als Lebensraumerkundung wurde dabei nicht nur von Reisewarnungen und Freiheitsbeschränkungen beschränkt. Es wurde und wird bis heute auch von Klimaaktivisten grundsätzlich infrage gestellt. Ich dagegen halte das Reisen für essenziell, für unersetzlich als Basis eines friedlichen globalen Miteinanders der Kulturen. Erst das Kennenlernen und der Austausch ermöglichen Empathie und Kooperation.
Es erscheint mir als typisch für den geistigen Zustand unserer Zeit, dass in dem Moment, indem Reisen als unökologisch etikettiert wird, unkreativ und stumpf Verbote gefordert werden, anstatt Ideen zu entwickeln, wie man Reisen ökologischer machen kann. Ob dies durch Wasserstofftechnologie oder andere ökologische Treibstoffe oder ganz anders funktionieren wird, kann ich noch nicht beurteilen. Es erscheint mir aber als symptomatisch für das Autoritäre, in das sich unsere Zeit hineinsteigert, dass Beschränkungen geradezu sehnsüchtig herbeigerufen werden, bevor weitergehende Denkprozesse überhaupt stattgefunden haben. Das nur nebenbei…
Wegen Corona musste ich meine Reisen unterbrechen. Es war naheliegend, sich nun der Bearbeitung des bestehenden Materials zu widmen, dem Remix der Motive. Im Kombinieren von Bildern, dem Vermalen mit digitalen, selbst programmierten Pinseln, die wiederum aus Fotomaterial bestehen und der Verhüllung und Aufdeckung von Motiven dienen, die ursprünglich nicht zur Bildproduktion intendiert waren, entstanden völlig neue Bilder durch malerische Bearbeitung, ein Relaunch des kreativen Prozesses.
Die Überlagerung von Bilddatenmaterial aus verschiedenen Zeiten und Orten wirkt wie ein Abbild der Erinnerung. Auch im Hirn überlagern sich Bilder, heben sich zeitliche Differenzen auf, verschwimmen die Eindrücke.
Im Verdeckten entsteht eine neue Wirklichkeit, eine Rückkehr zum Bild, das sich aus der Realität ableitet, aber selbst eine "Harmonie... parallel zur Natur" darstellt, wie es schon Cezanne ausdrückte.
Wenn ich das Motiv mit flachen Oberflächen, Beton, Putz, abbröckelnden Mauern oder analog gemalten und anschließend abfotografierten Leinwänden verschließe, wird das Unbestimmte und Schwindende der Erinnerung sichtbar, das von der Zeit Vernebelte. Details verschwinden, das Motiv wird aus dem Realraum herausgeschält. Das Wirkliche erscheint geisterhaft und wird durchscheinend.
Während des Herstellungsprozesse gibt es ein stetes Hin und Her zwischen abstraktem Bild und naturalistischem Abbild. Am Ende entsteht im besten Fall ein Ineinandergleiten von dreidimensionalem Motiv und zweidimensionaler Oberfläche.
Die Arbeit mit dem digitalen Pinsel erweitert die Möglichkeiten der Malerei. In der analogen Welt werden die Farbschichten additiv übereinandergelegt. Im Digitalen ergibt sich eine Arbeitsweise, in der Durchwirkung ebenso möglich ist, wie zeitliches Vor- und Zurückspringen im kreativen Prozess.
Das objektive Abbild als erinnerter Wirklichkeitsausschnitt wird durch seine Verarbeitung poetisch aufgeladen. Man kann in meinen Arbeiten eine Sehnsucht nach Fremdheit entdecken. Wer will, findet in den Landschaften Zeitloses und Staunen im Angesicht einer Natur, der wir heute kaum noch bewundernd, sondern nur noch im Bewusstsein ihrer Gefährdung gegenübertreten können. In meinen Bildern spürt man die Weigerung, sich einem Zeitgeist zu beugen, der die Welt nicht mehr als Spektakel oder Faszinosum, sondern ausschließlich als apokalyptische Katastrophe begreift.
Mit jedem Tag vergrößert sich die Zeitspanne zwischen dem Jetzt und den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Mit der Zeit werden die Erinnerungen schwammiger. Bilder überlagern sich, Erinnertes verfälscht sich. Wir wissen heute, dass das autobiografische Gehirn schamlos lügt und zurechtbiegt und dass unsere Erinnerungen teilweise abwegige Konstruktionen unseres Gehirns sind. Auf der anderen Seite besteht unser ganzes Selbstbild aus eben diesen Erinnerungen. Unser Ich beruht also im Wesentlichen auf einer Art Selbsterzählung, die zu einem nicht geringen Teilen Fiktion ist.
Fotos sind winzige subjektive Ausschnitte aus dem Gesehenen, aber dennoch objektive Ableitungen von Gesehenem. Ein Foto zu machen ist der Versuch, die Erinnerung durch nichtfiktive Artefakte zu objektivieren. In meinen malerischen Bildern überarbeite ich die objektiven Hinterlassenschaften und entrücke sie von der Realität. Sie verlieren dadurch zum Teil ihren dokumentarischen Charakter und werden zu Bildern, die über das bloße naturalistisch Abbildende hinausgehen.
Ich lasse das Fotografierte in malerischen Strukturen verschwinden und wieder heraustreten. Die Bilder werden so von scheinbar objektiven Abbildungen zu Erfindungen auf realer Grundlage. Das Bild gewinnt den Zauber des Erinnerten zurück, indem es sich von der objektiven Wirklichkeit entfernt.
Bildern aus der Ferne werden Bildern aus der Nähe entgegengestellt, Bildern von heute die Bilder des Vergangenen. Natürlich zeigt jedes Bild Vergangenheit, aber in der Konfrontation verschiedener Zeitebenen wird die Vielzahl der Bilder zu einer einzigen Repräsentanz der Dinge über die Zeiten hinweg. Eine Ausstellung steht so beispielhaft für das, was ist, indem sie zeigt, was war, herausgerissen aus Raum und Zeit. Nicht mehr und nicht weniger.
In neueren Arbeiten wird teilweise auch ganz auf das Foto als Grundlage der Erinnerung verzichtet. An seine Stelle treten Zeichnungen, die Erinnertes spiegeln, seien es historische Fotos oder Bilder aus der Kunstgeschichte. Immer geht es um den - natürlich nie gänzlich einzulösenden - Anspruch, zu formulieren, was da ist und welche Bedeutung es haben könnte. Ist es die Beiläufigkeit des Seins oder gerade das Gegenteil, die existentielle Schwere der großen Emotionen, Freude, Trauer, Liebe, Hass. Viele Bilder der Kunstgeschichte drehen sich um Triumph und Scheitern, um Leiden und Euphorie, um Erotik und Genuss. Oft geht es sogar um Dinge, die heute als künstlerisches Sujet ganz und gar unerträglich erscheinen: Schönheit, Ergriffenheit, Besinnlichkeit…
Als Künstler bohre und schraube ich an dem, was unsere Welt im Innersten zusammenhält, und muss mir doch immer darüber bewusst sein, dass alle Fragen bereits gestellt und alle Antworten gegeben wurden. Dennoch existiert kein valides Ergebnis. Dann bin ich froh, dass ich im sprachlichen Teil meines Schaffens Ironie als Mittel zur Verfügung habe, mit der ich meine eigene Suche belächeln kann.
Jedes Bild stellt die Frage, was sein Motiv von dem unterscheidet, was nicht als bildwert empfunden wurde. Da die meisten Fotos auf einem Affekt beruhen, auf einer spontanen intuitiven Entscheidung, werfen sie die Frage auf, was es ist, was den Zeit- und Raumreisenden dazu treibt, ein Abbild zu erstellen.
In der Nachbearbeitung wird das beiläufig aufgenommene Bild zum Gegenstand intensiver Auseinandersetzung. Die Flüchtigkeit des ritualisierten Abbildens weicht der Aufmerksamkeit malerischer Gestaltung. Der Bildgegenstand wird zum Reflexionsmotiv. Die mit Bilddaten programmierten Pinsel kombinieren das Hauptmotiv mit Fotodaten aus anderen Räumen und Zeiten. Das Abgebildete wächst über den konkreten Ort und Zeitpunkt seiner Aufnahme hinaus.
Durch Farbigkeit und Farbauftrag entsteht ein eigenständiges Bild, das nicht mehr die konkrete Landschaft zeigt, sondern darüber hinaus verschiedene Stufen des Abstrakten: Felsen, Meer, Zeit, Farbe, Klang.
In einer Epoche, in der sich immer mehr Bilder immer schneller bewegen, Daten und Informationen in Echtzeit um die Welt reisen und Themen in Lichtgeschwindigkeit mäandern, ist das stehende Bild wie ein subversiver Versuch, die Zeit anzuhalten. Es ist eine Aufforderung, sich aus dem Zeitstrahl auszuklinken und zu verharren, sich dem unerbittlichen Mitlaufen zu verweigern und sich für einen kurzen Moment Stille und Bewegungslosigkeit anzuvertrauen.
Ein Bild ist eine Reflexionsfläche. Es ist Anlass zum bewussten Wahrnehmen und Assoziieren. Was der Betrachter aus dem Bild mitnimmt und was er für Gedanken entwickelt, bleibt ihm überlassen. Kunst ist immer nur ein Vorschlag.
Über das, was bleibt
Es stellt sich die Frage, ob das, was man schafft, überdauert. Und es stellt sich im Zeitalter der Digitalisierung, die alles zur immateriellen Datenmenge reduziert, die Frage, ob ein Zustand des Dauerhaften überhaupt noch intendiert ist.
Von der Geburt bis zum Tod fällt das Individuum nach vorn, versucht die Flüchtigkeit seiner Gegenwart in komplizierten Denkgebäuden einzumauern, um zu legitimieren, was keiner Legitimation bedarf, das Leben selbst. Leben ist Dasein. Es geht auch ohne Sinn. Früher sagte man: „Ich denke, also bin ich.“ In Zeiten sozialer Netzwerke wissen wir: Es geht auch so.
Ich bin kein religiöser Mensch. Aber jeder Buddha, den ich auf Reisen sehe, erinnert mich daran, dass es am Ende darum geht, in der ungeheuren Vielfalt das Nichts zu akzeptieren. Buddha strahlt Gleichmut und Demut aus, egal ob er uns im Tempel in Lamayuru anlächelt oder aus dem Import-Export-Laden in der Kantstraße. Das heißt nicht, dass ich seiner Lehre folge. Aber wenn es ein religiöses Motiv gibt, dem ich mich anschließen kann, dann dem der buddhistischen Idee des Karma. Ich bin ein Teil des Ganzen, und als solcher füge allem Seienden unwiderbringlich etwas hinzu und verändere es. Mein Anteil ist vielleicht gering, aber er verändert alles und wirkt auf mich zurück. Diese Sicht der Dinge ist nicht nur einsichtig, sondern stellt die Bedeutung jedes Individuums in den Vordergrund und weist jedem die Rolle des Zentrums in seinem eigenen Kosmos zu. Dem kann ich folgen.
Im Wesentlichen geht es im Leben um unübersichtlich viel, für das Individuum leider sogar um alles. Wir versuchen deshalb, das Ganze zu ordnen, scheitern dabei und versuchen es von Neuem. Wir reduzieren dabei gerne auf Gegensätze. Dann geht es nicht nur um die Frage des Tuns oder des Unterlassens. Es geht auch um Suchen und Finden oder ums Verdecken und Enthüllen. Wir können die Dinge positiv oder negativ angehen, mit Liebe oder Hass, Intensität oder Gleichgültigkeit. Und sind wir ehrlich: Was besser ist, lässt sich nicht wirklich objektiv begründen. Fanatismus dient oft nur dazu, die Zweifelhaftigkeit des eigenen Handelns zu überdecken. Es gibt Menschen, die bereit sind, ihr Leben dafür zu lassen, dass sie Recht gehabt haben. Dabei ist der Tod nicht einmal ein gutes Argument.
Ich kann nur tun, was ich für richtig halte. Ich versuche dem Ganzen etwas hinzuzufügen, im Rahmen des mir Möglichen. Ich versuche, etwas zu schaffen und mich dabei zu entwickeln, nicht zuletzt auch: zu lernen. Denn: „Wer meint, etwas zu sein, hat aufgehört etwas zu werden.“ Dieser Satz ist nicht von mir. Ich fand ihn beeindruckend und habe ihn deshalb übernommen. Er stammt von Oliver Kahn aus dem Bayern-Jahrbuch 1997/98. Bedeutung ist überall.